Disability Pride Month 2026

Der Juli ist international der Disability Pride Month. Er feiert die Vielfalt, Identität und Gemeinschaft behinderter Menschen. Es werden Erfolge der Gleichberechtigung gefeiert und politische Forderung gestellt. Dafür stehen wir auch in unseren Projekten und unserer Vereinsarbeit: Wir begleiten und empowern Menschen und arbeiten gleichzeitig an inklusiveren Strukturen – z.B. im Bildungsbereich und der Arbeitswelt.

Auch wir wollen im Juli diese Vielfalt sichtbar machen und teilen im Laufe des Monats auf unseren Social Media Kanälen Statements von unseren Guides, von Mitgliedern des Vereins und Kolleginnen aus Vorstand und Geschäftsstelle. Zusätzlich erscheinen sie hier nach und nach im Beitrag.

Karla, InklusionsGuide: „Stolz, kompetent und sichtbar! Für mich bedeutet #DisabilityPride, selbstbewusst für meine Rechte und meine Perspektiven einzustehen; persönlich sowie im Amt der Schwerbehindertenvertretung. Als Akademikerin mit Behinderung bin ich stolz auf meine ausgewöhnliche Leistung! Ich habe mich erfolgreich in einem System durchgesetzt, das strukturell noch immer stark auf Barrieren aufgebaut ist. Regelmäßig muss ich mich als Frau mit Behinderung mit mehrfachen Diskriminierungsfaktoren auseinandersetzen. Meine Laufbahn ist unter diesen Bedingungen ein Beweis für Leistungsfähigkeit wie Kompetenz, extreme Resilienz, Durchhaltevermögen und herausragendes Selbstmanagement! Von der Politik und Arbeitgebern -speziell dem öffentlichen Dienst- fordere ich ein, Inklusion aktiv vorzuleben: Inklusion als verbindliches strategisches Ziel braucht Top-Down ein Bekenntnis zu strukturellen, personellen, monetären und temporären Ressourcen!“

Sandra, InklusionsGuide: „Musik ist sehr wichtig für mich. Einmal im Jahr fahre ich zu Rock am Ring und feiere dort meine Lieblingsbands und das ich es dorthin geschafft habe. (Einziger Wermutstropfen ist, dass seit letztem Jahr keine Menschen mit Schwerbehinderung aber ohne Merkzeichen mehr auf den Disability Campingplatz dürfen.) Meine Forderung an die Politik wäre es, diese Teilhabe noch mehr zu fördern.“

Magdalena, ehemalige Praktikantin InklusionsGuides: „Disability Pride bedeutet für mich, Behinderung und chronische Erkrankung als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Vielfalt sichtbar zu machen. Gleichberechtigte Teilhabe darf nicht davon abhängen, ob Menschen dauerhaft belastbar, flexibel oder unkompliziert sind. Unterschiedliche Körper, Bedürfnisse und Lebensrealitäten müssen von Anfang an mitgedacht werden. Entscheidend ist die Frage, wen wir in unseren alltäglichen Räumen, Abläufen und Erwartungen selbstverständlich mitdenken und wen nicht. Disability Pride ist deshalb mehr als Sichtbarkeit. Es ist eine politische Erinnerung daran, dass nicht Menschen „zu kompliziert“ sind, sondern Strukturen oft zu eng gedacht werden, Perspektivenwechsel nicht gelingen und Menschen noch immer auf individuelle Merkmale reduziert werden, für die sie keine Verantwortung tragen.“

Ludmila, InklusionsGuide: „Im Juli ist Disability Pride Month – ein Monat, in dem Menschen mit Behinderungen sichtbar werden und ihre Identität feiern. Ich bin selbst hörgeschädigt. 40 Jahre meines Lebens wusste ich, dass ich anders bin aber Hörschädigung war nicht der Teil von mir selbst. Und ich habe versucht es zu verstecken. Heute sehe ich das anders. Meine Hörschädigung ist ein Teil von mir. Sie bringt Herausforderungen mit sich, aber sie hat auch meine Perspektive auf die Welt erweitert. Durch eine Einschränkung hat man mehr Verständnis für andere, hat man andere Sicht auf viele Dinge und man ist kreativer, weil man auf andere unkonventionelle Lösungen angewiesen ist. Und man wird zum Künstler oder zur Künstlerin des Lebens. Disability Pride bedeutet für mich stolz darauf zu sein, wer ich bin, und darauf, trotz Barrieren meinen Weg zu gehen. Es bedeutet, Akzeptanz der Vielfalt einer Gesellschaft, in der alle Menschen teilhaben können. Sichtbarkeit schafft Verständnis und baut Barrieren im Kopf ab. Deshalb teile ich heute meine Erfahrung als hörgeschädigter Mensch und unterstütze den Disability Pride Month, in dem ich zeige: Behinderung ist ein Teil von mir und hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Behinderung ist nichts, was mann verstecken soll. Ich habe das Beste draus gemacht!“

Melanie, Projektleiterin InklusionsGuides: „Disability Pride Month bedeutet für mich nicht, meine chronische und psychische Erkrankung zu romantisieren. Er bedeutet, dass ich mich weigere, mich für meine Existenz, meine Grenzen oder meinen Unterstützungsbedarf zu schämen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit bewertet. Ein System, das Leistung über Menschenwürde stellt. Das krank macht, ausschließt und dann so tut, als wäre Inklusion eine freiwillige Geste statt eine Verpflichtung. Ich kenne das Gefühl, beweisen zu müssen, dass meine Einschränkungen „echt genug“ sind. Ich kenne den Druck, trotzdem funktionieren zu müssen. Ich kenne die Angst, nicht ernst genommen zu werden – von Behörden, im Gesundheitssystem, am Arbeitsplatz und oft auch im Alltag. Deshalb ist Disability Pride für mich Widerstand. Gegen Ableismus. Gegen Sozialabbau. Gegen eine Politik, die Teilhabe verspricht, aber Barrieren bestehen lässt. Gegen die Vorstellung, dass nur der Mensch zählt, der immer produktiv ist. Ich fordere eine Politik, die Menschen vor Profite stellt. Die Armut und Ausgrenzung behinderter und chronisch kranker Menschen bekämpft. Die Barrierefreiheit konsequent umsetzt, das Gesundheitssystem stärkt und soziale Sicherung nicht als Almosen, sondern als Recht versteht. Ich will eine Gesellschaft, in der wir nicht kämpfen müssen, um die gleichen Rechte zu haben wie alle anderen. Disability Pride ist politisch.“

Inken, InklusionsGuide: „Ich bin mit meiner chronisch-entzündlichen Darmerkrankung groß geworden. Seit meinem 11. Lebensjahr begleitet sie mich – zusammen mit vielen Symptomen, Begleiterkrankungen, Operationen und Situationen, die nach außen oft niemand sieht. Rückblickend hat genau diese Erfahrung meinen Weg geprägt. Sie hat mich in die Pflege geführt, mein Interesse an Gesundheitsmanagement und Public Health geweckt, meine wissenschaftliche Arbeit beeinflusst und mich dazu motiviert, mich für Inklusion und die Sichtbarkeit chronischer, unsichtbarer Erkrankungen einzusetzen. Ich hätte mir diesen Weg nicht ausgesucht. Aber ich habe gelernt, aus meinen Erfahrungen Wissen, Stärke und Perspektiven entstehen zu lassen. Nicht trotz meiner Erkrankung, sondern auch durch sie. Disability Pride bedeutet für mich deshalb nicht, stolz auf eine Krankheit zu sein. Sondern stolz darauf, den eigenen Weg immer wieder neu zu finden – und damit vielleicht auch anderen Mut zu machen.“

Birgit, Geschäftsführerin Hildegardis-Verein: „Im Hildegardis-Verein arbeiten wir seit langem mit vielen tollen Frauen mit Behinderung zusammen. Sie bringen ihre Kompetenzen in unser Team und in unser vielfältiges Netzwerk ein. Als Verein lernen wir weiter dazu und werden parallel immer besser darin, uns als Arbeitgeber und bei Veranstaltungen barrierefrei aufzustellen. So haben wir auf unserer Website Informationen zur Zugänglichkeit des Büros ergänzt, führen gerade Workshops zur Barrierefreiheit für alle Mitarbeiterinnen durch und arbeiten an einem Inklusionsverständnis.“

Vanessa, InklusionsGuide: „Ich wünsche mir eine inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen selbstverständlich dazugehören und wertgeschätzt werden. Es ist wichtig, Ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten wahrzunehmen, ihre Bedürfnisse zu respektieren und sie in allen Lebensbereichen mit einzubeziehen, mitzudenken und auch bewusst mitgestalten zu lassen. Ich wünsche mir, dass das Behindertengleichstellungsgesetz dringend angepasst und geändert wird sowie einen leichteren Zugang für Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt mit Teilzeitarbeit, auch mit einem Beschäftigungsumfang unter 50 % für Akademiker. Ich plädiere für die Abschaffung bzw. Erhöhung der Vermögensgrenze beim persönlichen Budget, damit Menschen mit Behinderungen es ermöglicht wird, für kleinere Anschaffungen zu sparen, ansonsten besteht die Gefahr, in die „Armutsfalle“ zu rutschen.“

Julia, Mitglied im Hildegardis-Verein: „Inklusion ist ein Menschenrecht. Daher müssen Teilhabe, Teilgabe und Teilsein in allen Lebensbereichen gesetzlich verankert sein und tatsächlich umgesetzt werden.“

Julia, Projektmitarbeiterin InklusionsGuides: „Der Disability Pride Month bedeutet für mich Verbundenheit: Ich erlebe eine Gemeinschaft von Menschen, mit denen ich Erfahrungen teile, die mich empowern, mit denen ich an Gleichberechtigung arbeite. Ich feiere die Vielfalt behinderter Menschen: Wir sind Frauen, Männer und nicht-binäre Personen, Kinder und Erwachsene. Wir sind PoC und weiß, queer und cis hetero, kommen aus allen Ländern und sprechen alle Sprachen. Wir sind 15% der Weltbevölkerung. Ich weiß, wir sind viele. Viele, die etwas bewegen wollen und können. Dafür brauchen wir Verbündete: in Unternehmen, in der Politik, im Sportverein, in der Schule, der Kirche und allen Orten, an denen gesellschaftliches Leben geschieht. „Nicht ohne uns!“ heißt: Redet nicht über uns, denkt uns auch nicht netterweise mit, sondern lasst uns selber mitdenken, mitgestalten, mitentscheiden.“

Isabell, InklusionsGuide und Mitglied im Hildegardis-Verein: „Bisher habe ich ein sehr schönes und sehr selbstbestimmtes Leben leben können mit meiner Behinderung. Die Frage ist allerdings, wie lange das noch so bleibt. Im Jahr 2009, in dem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, machte ich mein Abitur und fühlte mich sicher. Ich war sicher, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland bis an ihr Lebensende ein selbstbestimmtes Leben führen können, weil wichtige Leistungen der Eingliederungshilfe finanziert werden. Seit Beginn meines Studiums im Herbst 2009 lebe ich mit persönlicher Assistenz. Zunächst im Studentenwohnheim und dann in meiner eigenen Wohnung. Ohne die Eingliederungshilfe wären weder mein Studium noch mein Leben in eigenem Haushalt und auch nicht meine Berufstätigkeit möglich. Ich bitte von Herzen darum, dass sich alle Menschen dafür einsetzen, dass die Leistungen der Eingliederungshilfe nicht abgeschafft oder gekürzt werden. Ohne die Leistungen der Eingliederungshilfe hätte ich auch nicht schon an so vielen tollen Projekten des Hildegardis Vereins mitgewirkt, denn auch dafür brauche ich persönliche Assistenz. Ich danke dem @hildegardis_verein von Herzen dafür, dass wir als Projektbeteiligte und Mitglieder als Menschen im Mittelpunkt stehen unabhängig von Behinderung. Ich wünsche mir, dass die Zuversicht aus dem Jahr meines Abiturs zurückkehren kann und dass ich darauf vertrauen kann, dass wir fast 20 Jahre nach der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtkonvention all die politischen Fortschritte für Menschen mit Behinderung seit 2008 nicht vollständig rückabwickeln, sondern uns daran erinnern, dass Teilhabe Menschenrecht ist.“

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